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Audiotherapie

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Die Audiotherapie wurde von Hörbehinderten in der Selbsthilfe entwickelt, die aus ihren Erfahrungen heraus die Defizite bei der Information, Aufklärung und ambulanten Nachsorge von Hörbehinderten nach der oft nur technisch ausgerichteten Hörgeräteversorgung kennen. Sie soll die Lücke in der ambulanten Rehabilitation für Menschen mit einer Hörschädigung schließen.

Trotz hervorragender medizinischer Versorgung und moderner Hörtechnik stoßen die Betroffenen immer wieder in bestimmten kommunikativen Situationen an ihre Grenzen. Hörgeschädigte Menschen selbst, aber vor allem auch ihr Umfeld überschätzen of den Nutzen, den sie von Hörgeräten oder dem Cochlear - Implan t haben. Die im Vergleich zum natürlichen Gehör engen Grenzen der Technik, zusammen mit Einflüssen wie Nebengeräusche, Lichtverhältnisse, Absehvermögen, Sprechverhalten des/r Gesprächpartner/s, Konzentrationsfähigkeit etc. machen Kommunikation und Umweltorientierung oft schwierig, manchmal auch ganz unmöglich. Folge ist oftmals eine starke Unzufriedenheit gegenüber dem Hörgerät, dem Implantat oder dem Akustiker. So landen viele Hörgeräte in der Schublade, technische Zusatzgeräte werden erst gar nicht ausprobiert und das Hörtraining bei Cochlear – Implantierten abgebrochen. Diese Menschen haben schließlich das Gefühl, ihre kommunikativen Probleme nicht lösen zu können, resignieren und ziehen sich aus ihrem sozialen Umfeld immer mehr zurück.

Ziele der Audiotherapie:
Ziel der Audiotherapie ist die für den einzelnen Hörgeschädigten bestmögliche Förderung der Kommunikationskompetenz und die Unterstützung bei der Bewältigung der Behinderung. Das Besondere der Audiotherapie ist der ganzheitliche Ansatz. Die Hörbehinderung wird in der Gesamtheit ihrer Auswirkungen berücksichtigt und demnach werden medizinische, audiologische, pädagogische, psychologische und soziale Perspektiven vereint. Dabei setzt die Audiotherapie direkt an den individuellen Fähigkeiten der Hörgeschädigten an. Der Betroffene soll befähigt und motiviert werden, seinen beruflichen und sozialen Integrationsprozeß selbst aktiv zu gestalten.

Inhalte der Audiotherapie:

Diese können sein:
  • Information über Ursachen und Folgen der Hörschädigung
  • Praktische Handhabung von Hörgeräten
  • Auffinden und Ausprobieren geeigneter zusätzlicher technischer Hilfsmittel
  • Erweiterung der kommunikativen Kompetenzen:
  • Auseinandersetzung mit der Hörbehinderung und Akzeptanz der eigenen Grenzen
  • Stärkung des Selbstbewusstseins (u.a. Austausch mit anderen Hörgeschädigten)
  • Analyse der Arbeitsplatzsituation und spezifische Lösungsstrategien
  • Ggf. Weitervermittlung an andere Dienste und Institutionen (z.B. Rehabilitationskliniken, Integrationsfachdienste, Beratungsstellen)
  • Audiotherapie für Cochlear - Implant – Träger?

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    Meine Erfahrung und Motivation

    Mit der Anpassung des Sprachprozessors beginnt für die meisten Cochlear - Implant (CI) – Träger ein überwiegend positiver Neuanfang im kommunikativen Leben. Zahlreiche persönliche Berichte in den Zeitschriften der Schnecke und in der „ciimpulse“ belegen dies.

    Auch ich bin heute sehr glücklich mit meinem CI, nachdem ich fast neun Jahre gebraucht habe, mich für eine Operation zu entscheiden. Ich bin seit Geburt hochgradig schwerhörig und wurde sehr früh beiderseits mit Hörgeräten versorgt. Meine Hörschädigung verlief von Anfang an progredient.

    Als ich ungefähr 20 Jahre alt war, konnte ich nicht mehr telefonieren bzw. Sprache mit Hörgeräten verstehen. 1999 wurde ich an der MHH Hannover operiert. Nach anfänglichen technischen Problemen kam ich in kurzer Zeit mit dem CI gut zurecht. Das Hören hat für mich mit dem CI eine ganz andere Qualität bekommen. Früher war alles wie hinter einem dicken Nebel. Heute sind die Töne klarer und ich empfinde sie natürlicher als das, was ich noch mit den Hörgeräten hören konnte. An meinem Arbeitsplatz als Sachbearbeiterin in der Schulaufsichtsbehörde und nebenberuflich als Audiotherapeutin profitiere ich sehr stark von dem neuen Hören. Ich bekomme viel mehr Informationen mit und kann mich daher im Arbeitsprozess viel stärker einbringen. Das Leiten von Seminaren und Gruppensitzungen fällt mir nun viel leichter. Das bessere Hören hat mir zudem zusätzliches Selbstvertrauen gegeben. Die Menschen in meinem Umfeld sagen mir, dass ich entspannter und ausgeglichener geworden bin. Trotzdem erlebe ich auch mit dem CI immer wieder kommunikative Grenzen. Vor allem in geräuschvoller Umgebung habe ich mit dem CI ähnliche Probleme wie früher mit den Hörgeräten. Es gelingt mir kaum, mich in lauter Umgebung auf einzelne Stimmen einzustellen bzw. diese herauszuhören. Ohne die Unterstützung durch das Absehen von den Lippen sind für mich Gruppensituationen nicht zu bewältigen. Ich bin daher auf Hörtaktik (Hören, Absehen und andere visuelle Hilfen, sowie Kombinieren aller Informationen zu einem Ganzen) und die Anwendung von Kommunikationstaktik (das aktive Gestalten von möglichst optimalen kommunikativen Bedingungen, u.a. Aufklärung meiner Gesprächspartner) angewiesen. Lediglich unter Zuhilfenahme von technischen Hilfsmitteln (Mikrolink zum Fernsehen und bei großen Sitzungen, wie z.B. Schulungen; Ampliphone - Hörverstärker zum Telefonieren; Handykabel) kann ich ohne visuelle Hilfen rein auditiv verstehen.

    Meine lange ehrenamtliche Tätigkeit im Deutschen Schwerhörigenbund führte mich dazu, ein nebenberufliches Studium in Erziehungswissenschaften, Psychologie und Soziologie anzufangen. Ich stehe jetzt kurz vor dem Abschluss. 2000 schloss ich zusätzlich eine vom Deutschen Schwerhörigenbund initiierte berufliche Weiterbildung zur Audiotherapeutin ab. Ich habe seitdem verschiedenen Seminare und Workshops zum Thema „Bewältigung der Schwerhörigkeit und Ertaubung“ durchgeführt. An den Seminaren nahmen bisher auch immer CI – Träger teil.

    Was versteht man unter Audiotherapie und was kann sie leisten?

    Audiotherapie ist eine umfassende ambulante Rehabilitation für hörgeschädigte Erwachsene. Sie wendet sich somit an alle Menschen, die sich mit ihrer Höreinschränkung aktiv auseinandersetzen müssen und wollen, um innerhalb der persönlichen Möglichkeiten und Grenzen ein individuelles Höchstmaß an Kommunikationsfähigkeit zu erreichen. Audiotherapie knüpft in Zusammenarbeit mit dem Betroffenen ein Netz zwischen dem Hörgeschädigten , seinem persönlichen Umfeld, dem Akustiker, den Ärzten, Integrationsfachdiensten, Bildungsträger, Träger der Rehabilitation, Beratungsstellen, Reha-Kliniken und Selbsthilfeverbänden, um alle Möglichkeiten an optimaler Versorgung ausnutzen zu können. Auch für CI- Träger besteht meines Erachtens die Notwendigkeit eines Hörtaktik- und Kommunikations­taktiktrainings im Rahmen der Audiotherapie. Die Notwendigkeit eines Hörtrainings nach der Sprachprozessoranpassung ist unumstritten. Hörtraining ist für den Erfolg mit dem CI unerlässlich und wird nach der Operation und Anpassung des Sprachprozessors in der Regel in den Kliniken oder in den CI - Zentren angeboten. Meine Erfahrung mit CI-Trägern in Seminaren und in der Einzelberatung zeigen mir aber, dass ein alleiniges Hörtraining nicht ausreichend ist; denn auch nach bestem Hörtraining: das Verstehen mit einem CI hat Grenzen! Der Verlauf dieser Grenzen ist unter den CI-Träger sehr unterschiedlich. Der Versteherfolg, d.h. das Verstehen von Sprache - in Abgrenzung zum Hörerfolg - hängt von verschiedenen Faktoren ab, beispielsweise

    Grenzen des Verstehens erleben in der Regel alle CI- Träger:

    Die Voraussetzung für ein besseres Verstehen im Störlärm ist das beidohrige (binaurale) Hören. Zur Zeit wird viel über die bilaterale CI- Versorgung diskutiert. Das würde die o.g. Probleme teilweise lösen. Trotzdem wird es meines Erachtens , wenn überhaupt, noch sehr lange dauern, bis das CI ein gesundes Gehör vollständig ersetzen kann!

    Wir CI – Träger müssen daher akzeptieren, dass wir auch mit dem besten Hörtraining im Alltag Grenzen erleben werden. Diese Grenzen können wir aber hinausschieben, wenn wir unsere kommunikativen Fähigkeiten insgesamt verbessern, indem wir u.a. visuelle Möglichkeiten stärker nutzen (Absehen, visuelle Signale deuten) und bewusst Kommunikations­strategien einsetzen.

    Ich erlebe immer wieder CI – Träger, deren Versteherfolg aus Gründen, die in der Person des Betroffenen liegen, blockiert wird. In meiner Beratungstätigkeit habe ich von CI-Träger u.a. folgendes zu hören bekommen:

    Übertriebene Erwartungshaltungen:
    „Warum kann ich nicht alles verstehen? Bei anderen klappt es doch auch. Die Sprache hört sich für mich wie Zischen an, es ist mir daher unangenehm, mit der HörtrainingsCD zu üben. Was soll ich üben, ich verstehe doch eh nichts“
    Fehlende kommunikative Kompetenzen:
    „Ich war 15 Jahre ertaubt. In dieser Zeit hat mein Mann alles für mich gemacht. Er hat mich bei jedem Arztbesuch begleitet und für mich immer telefoniert. Ich habe nie gelernt, zu sagen: Ich bin hörbehindert, sprechen Sie bitte......“ Jetzt mit dem CI hat sich an diesem Verhalten zu Hause und im Alltag nichts geändert. Es ist für diese Frau einfach bequem so, wie es bisher war, zumal sie auch mit dem CI Probleme mit dem Verstehen hat. Das Verstehen mit dem CI kann sie aber nur dann lernen, wenn sie sich viel unterhält, aus ihrem Schneckenhäuschen rausgeht und das neue Hören in Alltagssituationen ausprobiert.
    Fehlendes positives Selbstbild:
    Vor der Anpassung des Sprachprozessors: „Nun habe ich so lange nichts gehört. Meine Frau und meine Arbeitskollegen haben sich so viel Mühe gegeben mit mir – all die Jahre. Jetzt mit dem CI kann ich ihnen sicherlich vieles zurückgeben“
    Schon bei den ersten Schwierigkeiten (z.B. die Arbeitskollegen erwarten jetzt, dass er Gruppengespräche mit Kunden alleine durchführt und alle Telefonate alleine abnimmt) kommt es schnell zur Resignation. Die eigenen Erwartungen und die Erwartungen der anderen können trotz CI nicht erfüllt werden.
    „Ja, ich höre zwar besser, aber verstehe immer noch nicht alles. Schon wieder habe ich versagt. Auch jetzt belaste ich meine Kollegen mit meinem schlechten Hören. Auch macht es mir heute noch keinen Spaß, mit meiner Frau auf eine Feier oder in die Oper zu gehen“

    Dies sind einige kleine Beispiele, die sicherlich noch ergänzt werden können, die zeigen, wie wichtig es ist, neben einem Hörtraining auch Hör- und Kommunikationstaktiktraining im Rahmen audiotherapeutischer Begleitung in Einzel- oder Gruppensitzungen anzubieten.

    Gerade wir, die wir hör- und somit kommunikationsbehindert sind, müssen aufgrund der Folgen unseres Handicaps (Folgen u.a. aufgrund der Unsichtbarkeit der Behinderung, Unwissenheit und Unsicherheit der hörenden Umwelt) selbst in hohem Maße aktiv werden, um für uns einen individuellen Weg zu finden, trotz Hörschädigung ein hohes Maß an Lebensqualität zu bewahren.

    Der Versteherfolg mit Hörgeräten und dem Cochlear-Implant hängt sehr stark davon ab, wie wir zu unserer Hörschädigung stehen. Haben wir unsere Hörschädigung akzeptiert und gehen wir offensiv mit ihr um? Schämen wir uns, in Alltagssituationen nachzufragen, wenn wir etwas nicht verstanden haben, oder tun wir so als ob wir verstanden hätten, auch wenn es nicht so ist?

    Innere Barrieren in der Kommunikation, die oft durch Vorurteile aufgebaut werden, können das Verstehen erheblich behindern. Sie können langsam über eine intensive Auseinandersetzung mit der Hörschädigung abgebaut werden. Hierzu gehören das Annehmen bestehender Grenzen, ein aktiver positiver Umgang mit der Hörbehinderung und der Aufbau von selbstbewusstem kommunikativen Verhalten.

    Bausteine der Audiotherapie sind unter anderem:

    Weitere Informationen über die Audiotherapie erhält man beim Bund deutschsprachiger Audiotherapeutinnen und Audiotherapeuten e.V. (BdAt). Internet: www.audiotherapie.info

    Petra Blochius



    Veröffentlichte Artikel im DSB-Report

    (DSB-Report: Reportzeitschrift des Deutschen Schwerhörigen Bundes)
    Die unten genannten Artikel können als PDF-Dokumente gelesen und heruntergeladen werden.

    "Audiotherapeutisches Seminar, ein Anstoß zur Selbsthilfe"
    "Kommunikationsbrücken bauen, Zur Kommunkation gehören immer zwei"

































    Berichte und Vorträge "Hörgeschädigte Kinder in Regelschulen"


    Die unten genannten Artikel können als PDF-Dokumente gelesen und heruntergeladen werden.

    "Spectrum Hören"
    "ZeitschrifthgKinder"